emotionale Zugehörigkeit

Anime-Studios müssen ihre Zuschauer bei Stange halten und setzen verschiedene Mittel ein, um das zu erreichen. Da gibt es z. B. Zeichenstil, stimmungsvolle Musik, self-insert Charaktere oder Cliffhanger. Das trifft natürlich auch auf andere Medien zu, aber ich schreibe einen Animeblog (auch wenn es nicht explizit irgendwo steht) und deswegen beziehe ich mich nur auf Anime. Was ist nun, wenn ich euch sage, dass es auch einen psychischen Grund gibt?

Wenn ich mit diesem Beitrag geendet habe, werdet ihr eure Animes anders betrachten. Dann werdet ihr verstehen, warum ihr bestimmte Witze nicht mehr witzig findet, warum euch bestimmte Charaktertypen nicht mehr gefallen, warum Nostalgia-Fans nicht mir Remakes zufrieden sind, warum bestimmte Animetypen immer wieder gehypt werden.

Natürlich dürfen wir nicht vergessen, dass sich Animes auch an (historischen) Ereignissen orientieren. In der Siebziger Jahren waren Heimatserien beliebt, weil die Gesellschaft fasziniert von der nicht-japanischen Kultur war. High-Mecha war in der Jahrtausendwende heiß im Kommen, weil die Leute Angst vor dem Weltuntergang hatten. Heutzutage gibt es viele Serien die sich an Hikkikomori richten, weil die Gesellschaft sich weiterentwickelt hat. Diese Entscheidungen führen dazu, dass sich die Unterhaltungsmedien an die gesellschaftlichen Bedürfnisse anpassen.

Aber ich sage nun, dass es noch einen weiteren Grund gibt. Dazu will ich zwei Beispiele geben:

  1. Mein Bruder berichtet mir regelmäßig, welche Animes er guckt und die ich seiner Meinung nach unbedingt auch gucken sollte, weil sie so toll seien. In den meisten Fällen habe ich die schon gesehen, aber dann verstehe ich nicht, was er daran toll findet. Die letzten Serien, die er mir empfohlen hatte, waren: Nisekoi, Danmachi, Akame ga Kill, Utawarerumono 2. Bei Nisekoi versuchte ich noch Gegenargumente zu liefern (stereotype Handlung und Charaktere, viel zu viele Heroinen, …), um mir dann seine Meinung anzuhören (Chitoge ist nicht Tsundere, sie ist so geworden, weil Kindheit bla). Interessant ist aber, dass all die Serien Gemeinsamkeiten haben. Beta-male umgeben von einigen Mädchen. Wenn ich ihm Asterisk Wars empfehlen würde, wäre die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er es mögen würde.
  2. Als ich 16 war, begann ich exzessiv Subs zu schauen. Meine liebsten Anime waren Fullmetal Alchemist, Katekyo Hitman Reborn, D.Gray-man und Erementar Gerad. Gemeinsam haben diese, dass die Hauptfiguren Unterdogs sind, die sich nicht unterkriegen wollen oder für ihre Standpunkte kämpfen. Jetzt läuft die neue Staffel von D.Gray-man und ich frage mich, was ich daran toll fand. In dieser Woche hatte ich Erementar Gerad rewatched und es stellte sich als durchschnittliche Heldengeschichte mit forced drama heraus. Mit 21 hatte ich Deathnote geschaut und fand es schlecht, obwohl es eine Underdog-Story ist. Mich hatte daran besonders gestört, dass die Polizisten so dermaßen dumm sind und sich von Teenagern helfen lassen mussten. Im Gegenzug dazu hatte ich Natsume Yuujincho mit 17 geschaut und konnte nichts damit anfangen. Ich hatte mich buchstäblich von Folge zu Folge gegähnt. Jetzt freue ich mich aber auf die neue Staffel und im Allgemeinen bin ich ein Fan von Slice of Life geworden.

Es geht nicht darum, dass sich Geschmäcker ändern oder dass die Ansprüche steigen. Ich glaube, dass wir uns emotional von bestimmten Stereotypen angesprochen fühlen, die dann wiederum das Gefühl der Abhängigkeit auslösen. Dass wir bestimmte Serien klasse finden, kann man selten rational erklären, sondern größtenteils emotional. (Ich setze übrigens nicht „klasse“=gut. Ob etwas gut ist, kann man rational erklären. Aber nicht mit der emotionalen Zugehörigkeit ist etwas gutes zu erklären.) Ich glaube sogar, dass sich die emotionale Zugehörigkeit mit dem Alter und gewonnener Erfahrung ändert.

Wahrscheinlich hört sich das an wie „stating the obvious“. Und man könnte mir vorwerfen, dass ich Erementar Gerad jetzt nicht mehr anziehend finde, weil ich inzwischen viel mehr Animes gesehen habe und besser eine gute Geschichte von einer schlechten Geschichte unterscheiden kann. Jaah, alles möglich. Vor dem Rewatch konnte ich mich nicht mal an die Handlung erinnern und was im Manga passiert, weiß ich auch nicht mehr. Was bedeutet, dass ich die Serie uneingenommen sehen konnte und mir daraufhin ein rationales Urteil gebildet hatte.

Aber wenn wir uns mal den Serien zuwenden, die in den letzten Jahren gehypt wurden: SAO, Guilty Crown, One Punch Man, My Hero Academia. Alles Underdog-Storys. Und die Verteidiger dieser Animes sind solche Leute, die „von der erwachsenen Story fasziniert sind“ und es gut finden, dass der „Held aus seinem niederen Stand ausbrechen möchte“ und das er „Gerechtigkeit möchte, weil überall Ungerechtigkeit herrscht“ oder es „einfach nur toll findet ohne Begründung“. Ist das nicht genau das, was man sich als Teenager erhofft? Ausbrechen aus den elterlichen Händen und gegen die Ungerechtigkeiten der Welt kämpfen? So richtig das Richtige tun, das Richtige, von dem man selbst glaubt, dass es das Richtige ist? Wenn Teenager (oder Kindsköpfe) solche Serien hypen, hat es nichts damit zu tun, dass sie dämlich sind, sondern dass sie in ihren Herzen solche Geschichten emotional gut finden. Und diese Leute vom Gegenteil überzeugen ist wiederum nicht möglich, denn mit rationalem kann man dem emotionalen nicht entgegen kommen.

Mein Bruder ist gerade Single und hat Probleme, neuen Zugang zu finden. Es ist kein Wunder, dass er gefallen an Harem-Animes findet, weil dort genau das passiert, was er sich erhofft. Dies wish-fullfillment bildet seine emotionale Zugehörigkeit.

Leute, die die Sailormoon-Remakes oder die neuen Digimonfolgen nicht mögen, können einfach nichts damit anfangen, weil sie beim Zusehen nicht das Gefühl von damals haben. Sie haben nicht mehr den emotionalen Zugang wie damals.

Vielleicht ist es wirklich nur the obvious. Vielleicht bin ich verwirrt wegen meiner veränderten Sichtweise. Und vielleicht bin ich kein Teenager mehr.

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