Objektivität beim Bloggen?

Ich lese gerade ein interessantes Buch über die Gemeinheiten der deutschen Gesellschaft. Dort steht zum Beispiel über die Blogger:

Blogger
Früher gab es nur Leserbriefseiten in den Zeitungen, auf denen dauernörgelnde Oberlehrer ihre schlechtgelaunte Besserwisserei ausleben konnten. Jetzt bietet das Internet diesem penetranten und unangenehmen Menschenschlag eine riesige Plattform, um zu maulen, zu mosern, zu stänkern und übellaunige Kommentare zu verbreiten. Klar, es gibt Blogger, die gute Seiten frei von Hass und Schmäh betreiben. Aber was ist mit der Mehrheit los? Was ist das für ein Haufen gehässiger, neidischer und beleidigter Besserwisser? Sind das nicht oft nur völlig zu Recht unterschätzte, beleidigte Fuzzis? Diese Blogger sind die Pickel am Arsch des Internets.
Aus: iDoof youDoof wiiDoof, Oliver Kuhn, Alexandra Reinwarth, Axel Fröhlich, ullstein, Mai 2011

(Auf Wunsch entferne ich dieses Zitat.)

Ich erörtere hier nicht darüber, dass die Autoren genauso „ein Haufen gehässiger, neidischer und beleidigter Besserwisser“ sind, die über alles voller Sarkasmus, Zynismus und Ironie ranten, was ihnen vor die Nase kommt. Als geborene Ostdeutsche finde ich manche Anspielungen zur DDR auch nicht feierlich lustig.

Back to the topic: Mir ist noch kein Blogger über den Weg gelaufen, auf den die im Zitat genannte Beschreibung vollständig passt (oder doch und ich bin einfach zu nett, um das zuzugeben?). Vielmehr schreiben die Blogger in meiner Blogroll reichlich neutral oder sogar positiv mit einigen wenigen Ausflügen in das Negative.

Die Autoren des Buches sind sicherlich nicht in der Animeszene unterwegs und sind sich demnach nicht bewusst, dass Animeblogger nicht unbedingt mit brennendem Hass ausgestattet sind. Ich kann mir schon vorstellen, dass man über Promis (z.B. Justin Bieber, dem auch ein hasserfüllter Bereich im Buch gewidmet ist) viel besser ranten kann. Vielleicht sollen sich diese Blogger mit dem Text angesprochen fühlen, sofern diese jemals dieses Buch (wenn überhaupt eines) in die Hand nehmen und lesen.

Soll man nun absichtlich, weil man der Schmach mit Hassbloggern gleichgesetzt zu werden entgehen möchte, nur noch neutral und objektiv schreiben?
Ich sage: Nein.

Objektiv hört sich doch recht toll an. Es zeugt von Wissen, Unabhängigkeit und Abgrenzung von der Subjektivität. Man gibt Fakten, Zahlen, Beispiele. Man sieht aus wie ein Profi; jemand, von dem man erwartet, das ein Funken Wahrheit aus einem spricht (z.B. weil man es mit Fakten belegen kann). Aber wer von uns ist ein Fachmann?

Und Anime kann man nicht einfach so ein eine Kiste werfen. Denn egal wie objektiv man den Anime darstellt (neutral Stärken und Schwächen nennt), etwas wichtiges kann man nicht neutral werten: Wie es einem gefallen hat oder kann. Man kann schließlich nicht bestimmen, wie anderen der Anime gefallen muss. Wir sind hier nicht mehr in der Grundschule, wo einem gesagt wird, dass man Pferde mögen muss, weil es andere auch machen (no pony related post). Natürlich kann man mit Fakten darstellen, wie die Akzeptanz eines Animes verlaufen wird. Aber wie war das noch mit dem Kinofilm „Avatar“: So richtig viel Substanz hatte der nicht, aber die Spezialeffekte waren „so cool und alles“, der Film muss einfach gut sein. Entweder kann man das nun Ignoranz oder Akzeptanz nennen.

Ignoranz = nicht einsehen, dass Film/Anime/Dingenskirchen Fehler hat
Akzeptanz = wissen, dass Film/Anime/Dingenskirchen Fehler hat, aber trotzdem gefallen an den guten Seiten des Films/Animes/Dingenskirchen finden

Mein Lieblingsbeispiel zum Thema „hat mir gefallen, aber Umsetzung war Bockmist“ ist der Anime D.N.Angel. Es ist die Durchschnittlichkeit in Person ihr wisst schon, was ich meine. Alles daran war durchschnittlich oder mangelhaft: die stereotypen nervigen Charaktere waren störend, die mitunter episodenhafte Handlung, das Ende und das Aussehen der Hauptperson. Außerdem schien es ein Abklatsch von Kamikaze Kaitou Jeanne zu sein. Und trotzdem hat es mir so sehr gefallen, dass ich ohne weiteres nachdenken dem Anime 10 Punkte gegeben habe (die sind inzwischen auf 9 runtergerutscht und ohne Rewatch überdenke ich meine Wertung nicht).

Mir ist bewusst, dass D.N.Angel ein durchschnittlicher Anime ist. Aber gefallen kann er trotzdem. Zum einen durch die Zielgruppe (Mädchen) ist es klar, dass es unter anderen um Liebe geht. Die Liebesbeziehungen waren aber sehr komplex. Die liebt den, der liebt aber die, und die liebt den, aber wen liebt der? Und dann sind da noch ein paar Figuren, die nicht ganz hineinpassen oder eine Person, die die Liebesdreiecke aufmischt und die Mädchen eifersüchtig macht. Außerdem gibt es auch „Arcs“, die etwas besser ausgearbeitet sind. Die Geschichte mit Freedert ist einfach nur schön und traurig zugleich.

Ich bin durchaus für Subjektivität, sofern es in bestimmten Maßen auftritt. Irgendwelche Behauptungen aufzustellen, ohne einen Beweis zu bringen, ist nicht professionell und macht angreifbar. Deswegen sollte man eine subjektive Aussage auch objektiv beweisen.

Ich habe aber nichts gegen neutrale Wortwahl. Ich will weder ständig Worte aus dem Fäkalienbereich lesen noch irgendwelche Hochsprache mit sprachlichen stylistischen Mitteln und Euphemismen.

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2 Gedanken zu “Objektivität beim Bloggen?

  1. „Akzeptanz = wissen, dass Film/Anime/Dingenskirchen Fehler hat, aber trotzdem gefallen an den guten Seiten des Films/Animes/Dingenskirchen finden“

    Sowas wagst du zu verfassen, obwohl das schon fast an Hochverrat angrenzt!

    Aber ernsthaft, ich finde es sowieso fraglich wieso man in Artikel/Kommentare/whatever über gewissen Anime fast nur objektiv an die Sache rangehen soll. Leser XY geht doch nicht zwangsläufig auf einen Anime-Blog um zu lesen wie Etwas wirklich ist~ Wenn man mit dem „Geschmack“ eines Bloggers symphatisiert, dann kann man durchaus dessen subjektive Meinung auch für sich selbst mehr erschließen, als wenn man durch einen rein objektiven Artikel nur die Stärken und Schwächen herausfiltert.
    ( Dass es dennoch objektiv begründet werden sollte ist ja selbstverständlich)

    Nettes Zitat übrigens, das Buch könnte man sich bei Gelegenheit mal zu Gemüte führen.

  2. Das Zitat klingt, als wollten sie mit ihrem Buch reinweg provozieren und scheren deswegen alles über einen Kamm.

    Kritik an den Bloggern kann ich durchaus nachvollziehen. Nicht aber, weil sie gehässig etc. wären, sondern weil viele einfach zu dumm sind, einen vernünftigen Satz auf die Reihe zu kriegen. Das dezimiert die lesbaren Blogs auf ein Minimum…

    Gehässig, besserwisserisch und was nicht noch alles, sollen sie von mir aus sein. Blogs zu lesen ist für mich nicht reine Informationssammelei, sondern Entertainment. Und wenn es jemand schafft, sein Gehate amüsant und lesbar zu verpacken, sowie das mit Belegen zu mischen, damit’s nachvollziehbar ist, soll er haten so viel er will.

    Objektivität ist langweilig. Und Objektivität in Verbindung mit Unterhaltung wie Anime, Games und Co. funktioniert kein Stück. Das würde keiner lesen.

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